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Der Zorn der Prediger

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2. November 2017 von marzellus1

MartinLuther„Gleich wie die Biene ein Tierlein ist, das zum Honig sammeln geschaffen ist, aber doch einen Stachel hat, so ist auch kein Prediger eines so gütigen Geistes, der nicht bisweilen wegen Bosheit und Undankbarkeit der Welt auch zürnen und stechen müsste.“
Dass Luthers Bienenvergleich heute noch inspiriert und ein Gottesmann auch mal vom Leder ziehen muss, hat der Kölner Pfarrer Hans Mörrter am diesjährigen Reformationstag bei einer Kunstaktion in der Hauptstadt des rheinischen Frohsinns zelebriert. 95 Lutherfiguren der Firma Playmobil wurden eingeschmolzen zu Buchstaben, die zu dem Satz zusammengesetzt wurden: „Für uneinschränkbare Nächstenwürde mit respektvollster Menschenliebe und grenzenlosestem Grundvertauen“.

„Der ,Antichrist‘ der Moderne ist die kannibalische Weltordnung, die Gier der Kapital-Märkte, die Herrschaft der Finanz-Oligarchie und der transkontinentalen Agrarkonzerte wie Monsanto, Bayer, Aventis, Pioneer, Syngenta, BASF, Cargill, DuPont, Nestlé“, schimpft der Kölner Pfarrer „Die westliche herrschende Lebensart verkörpert den größten bewussten Terrorismus aller Zeiten.“ lautet die zweite These seines Reformationsupdates. Er fordert eine weltweite Ökumene der Weltreligionen im Kampf für respektvolle Menschenwürde.

Es gärt! Nicht nur in Köln. Der ungebremste menschen- und schöpfungsverachtende Geist der „Globalisierung“ stößt auf die massive Kritik der Religionen, die als klassische Wertevermittler an Einfluss verloren haben.

Der Papst, in der Lutherzeit noch der Antichrist, fordert Ähnliches schon lange. Auch in Rom wird mit weitaus größerer publizistischer Reichweite, Kapitalismuskritik formuliert. Der Dauerappell für mehr Menschlichkeit und eine gerechtere Wirtschaftsordnung ist unter Franziskus Chefsache geworden.

„Naiv!“, kontern die Ökonomen und zeigen sich wenig beeindruckt von den Appellen des Petrusnachfolgers. Ob die Reichen dieser Welt jemals zu einer Ethik zugunsten des Menschen zurückkehren, scheint sehr optimistisch. Dafür gibt es schließlich keine Millionen als Manager-Boni.

Und dass Global Players sich darauf verpflichten lassen, würdevolle Arbeit für alle zu schaffen, soziale Rechte aufrecht zu erhalten und zu festigen, sowie die Umwelt zu schützen, ist ebenfalls eher unwahrscheinlich.

Appelle verpuffen. Mit Höllenqualen und Fegefeuer können altersmüde Religionen den Akteuren der Globalisierung in einer aufgeklärten, atheistischen und zunehmend gleichgültiger werdenden Zeit nicht mehr ernsthaft drohen.

Vielleicht helfen die Forderungen des Dalai Lama uns weiter. Das charismatische Oberhaupt des tibetischen Buddhismus gibt sich zunehmend skeptisch gegenüber Religionen, weil sie auch Gewalt, Fanatismus und Intoleranz hervorbringen. „Innere Werte müssen das 21. Jahrhundert prägen“ sagt er und meint damit Bildung, Respekt, Toleranz und Gewaltlosigkeit. Terror und Kriege im Namen von Religionen hält er für unerträglich, die Religionen selbst gar für überflüssig. Was wir dringender bräuchten, sei eine „globale säkuläre Ethik“ nach dem Prinzip „Be friendly“.

Richtig, gut gesagt, mit Bitterkeit werden wir nichts ändern. Aber es muss sich doch etwas ändern. Wenn Hoffnungslosigkeit und Resignation um sich greifen, bleibt alles bestenfalls wie es ist. Meistens wird es noch schlimmer .  Immerhin können wir uns selbst ändern und damit auch ein Stückchen Welt. Klimaschutz zum Beispiel beginnt schon auf meinem Küchentisch. Das Prinzip „Sonntagsbraten statt Werktagsbraten“ zum Beispiel verbessert meinen  persönlichen „Klima-Fußabdruck“ erheblich. Die konsequente Vermeidung von Nahrungsmittelverschwendung tut das auch.

Der WWF hat in einer Studie ausrechnen lassen was es bedeuten würde, wenn jeder Deutsche weniger Fleisch essen würde. „Gelänge es, die Verbraucher in Deutschland davon zu überzeugen, weniger fleischbetont zu essen und zudem weniger essbare Nahrungsmittel wegzuwerfen, würden hier und andernorts über 4 Mio. ha an Acker- und Grünland frei für andere Nutzungen. Diese Verhaltensänderungen würden die Umwelt von bis zu 67 Mio. t CO2-Äquivalenten an Treibhausgasen entlasten. Das entspricht etwa der Schadstoffmenge ganz Österreichs oder der von über 5,5 Mio. Neuwagen mit einer Fahrleistung von 100.000 km.“ heißt es im Fazit der Studie „Klimawandel auf dem Teller„. „Regional und saisonal“ zu essen statt Exotisches zu suchen, wo es geht zu Fuß unterwegs statt mit dem Auto – ich gehe gerne die 4 Kilometer zu meiner Arbeit möglichst konsequent auf Schusters Rappen – hält fit und schont die Umwelt. … . Ich widerstehe jeglicher Form von Kaufrausch, kaufe das, was ich brauche und brauche es vor allem bis zum Ende. … Tut was Ihr tun könnt, aber tut es!

Wozu soll ich warten, bis irgendein Entscheider, Reformator oder Heilsbringer mir sagt, was ich tun soll? Kleine Dinge verändern auch die Welt. Die wunderbare Geschichte vom Kolibri, der den Waldbrand löschen will, zeigt wie es geht. Die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai erzählt uns die Fabel auf Youtube .

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Und bei allem was ich tue, denke ich auch an die Weisheit Voltaires.  In der Novelle „Candide oder der Optimismus“ fällt Candides Freund Pangloss trotz der wieder und wieder selbst erfahrenen unausrottbaren Unverbesserlichkeit der Menschen wieder einmal in seinen notorischen Optimismus zurück. Candide erwidert ihm lakonisch: „„Cela bien dit, […] mais il faut cultiver notre jardin“  – „Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden“ – und natürlich – will ich ergänzen – müssen auch die Bienen gehegt werden.

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